Betriebsratswahlen

AUMA Drives: Mit voller Kraft zur 35-Stundenwoche

19.03.2026 | Bei AUMA Drives in Coswig bei Dresden entwickeln und produzieren rund 200 Beschäftigte in zwei Werken Getriebelösungen. 2010 ist der Arbeitgeber aus dem Tarif ausgestiegen. 2020 haben sich Mitglieder des Betriebsrats auf den Weg gemacht und mit der IG Metall ihren Tarifvertrag zurückgeholt. Der gilt seit Januar 2024 und im Februar 2026 wurde erfolgreich die 35-Stundenwoche verhandelt. Benedikt Walther, Betriebsratsvorsitzender, und Christian Blüher, Betriebsrat und Mitglied im Ortsvorstand der IG Metall Riesa, berichten.

Benedikt Walther, Betriebsratsvorsitzender bei AUMA Drives in Coswig und Christian Blüher, Betriebsrat und Mitglied im Ortsvorstand der IG Metall Riesa

Warnstreik bei AUMA Drives in Coswig im November 2022 - Fotos: IG Metall

Herzlichen Glückwunsch zur 35-Stundenwoche. Wann wird sie bei euch eingeführt?

Christian: Eingeführt wird die 35-Stundenwoche bei uns in vier Stufen ab 2027. Die letzte Stunde haben wir dann 2030 geschafft. Wir hatten mit mehr Gegenwind von der Geschäftsführung gerechnet. Erst waren die Verhandlungen eher emotional, weniger zielführend geführt worden.

Benedikt: Wir haben im Januar 2024 den Tarifvertrag eingeführt und Bestandteil war die Verpflichtung zur Einführung der 35-Stundenwoche. Bis Ende 2025 sollte die Betriebsvereinbarung zur 35-Stundenwoche stehen. Es gab also einen Zeitdruck, das hat die Verhandlungen beschleunigt.

Christian: Im Vorfeld hieß es immer: „Wir können uns das eh nicht leisten.“ Da hat es geholfen, dass wir Zeitdruck auf beiden Seiten hatten.

Ihr habt von 2020 bis 2023 für die Rückkehr in den Tarif und gerechte Löhne bei euch gekämpft. Wie war das?

Benedikt: 2010 ist unser Arbeitgeber aus dem Tarif ausgestiegen. Die Rückkehr war ein sehr langer Prozess. Es gab damals vom Arbeitgeber die Zusage, dass trotzdem die Tariferhöhungen umgesetzt werden würden. 2014 hielt sich der Arbeitgeber dann das erste Mal nicht mehr an diese Zusage. Wir haben mehrere Standorte in Deutschland. Außer uns liegen alle Standorte im Westen. Dort haben die Beschäftigten regelmäßig mehr Geld bekommen. Nur bei uns wurde es immer wieder ausgesetzt oder verzögert. Oder wir haben nur einen Teil erhalten.

Christian: Die Standorte im Westen waren und sind alle NICHT tarifgebunden. Die Arbeitgeberseite hat alles versucht, die Gewerkschaft rauszuhalten.

Benedikt: Wir haben über viele Jahre immer wieder mit der Geschäftsführung geredet. Denn die Schere bei den Entgelten ging ja immer weiter auseinander.

Christian: Vor der Corona-Pandemie im Sommer 2019 haben wir das Thema hochgezogen. Damals sagte der CEO, er würde sich kümmern. Davon haben wir nichts gespürt und Ende 2020 bekamen wir dann die Unterstützung der IG Metall.

Benedikt: Der Unmut der Belegschaft wurde immer größer. Daher haben wir die Trommel für die IG Metall gerührt und Eintrittsscheine gesammelt. Als wir eine starke Mehrheit waren, haben wir die Mitgliedsanträge abgegeben. Das hat viele bewegt, mitzumachen. 2022 waren wir so weit, dass im August die IG Metall bei der Geschäftsführung angeklopft hat. Die haben sich erstmal verweigert. Nachdem monatelang nichts passierte, begannen wir mit Aktionen und im November 2022 starteten wir mit zwei Warnstreiks. Daraufhin hat dann die Geschäftsführung das Gespräch gesucht. Sie wollten erst eine gemeinsame Lösung ohne die IG Metall. Zwei Tage lang wurden uns fulminante Angebote gemacht. Alles war plötzlich kein Problem mehr. Aber die Bedingungen waren: Ohne IG Metall und gewinnabhängig.

Wir haben dann als Betriebsrat gesagt, dass wir keine Entgeltregelungen verhandeln können. Uns wurde eine Regelungsabrede vorgeschlagen, die aber aus unserer Sicht keine Substanz gehabt hätte. Die Arbeitgeberseite hatte gehofft, dass wir „weich“ werden. Während dieser zwei Tage versuchte man immer wieder in den Pausen, Einzelgespräche zu führen, um uns umzustimmen.

Christian: Das waren zwei harte, schlaflose Tage.

Benedikt: Wir waren uns bewusst, dass wir über das Schicksal von 200 Kolleginnen und Kollegen entscheiden.

Christian: Wir mussten ja schauen, dass das Gremium stabil bleibt.

Benedikt: Wir waren so geschlossen und fest als Betriebsratsteam. Das war besonders. Auch bei den Warnstreiks sind viele rausgekommen. Nach den zwei Tagen hat sich der Geschäftsführer aus dem Mutterkonzern mit seinen beiden Mitarbeitern verabschiedet. Alle waren sauer.

Christian: Sie haben schon sehr deutlich gemacht, dass sie mit uns reden, weil wir mit der IG Metall draußen waren. Das war für uns auch ein Grund, bei unserer Forderung nach einem Tarifvertrag zu bleiben. An den anderen Standorten wurden Prämien und Sonderzahlungen gezahlt, dazu gab es aber keine Regelungen.

Benedikt: Der Tarifvertrag gibt uns jetzt Sicherheit, dass wir die vereinbarten Erhöhungen auch erhalten.

Was ist für euch gute Betriebsratsarbeit?

Benedikt: Wir sind die Vertretung der Belegschaft und vermitteln und reden mit der Geschäftsleitung. Wir alle wollen, dass der Standort erhalten bleibt und vorankommt. Also wollen wir das Gleiche, aber wir schauen aus anderen Blickwinkeln darauf. Wir brauchen nicht nur die Geschäftsführung, die Werke und moderne Maschinen, sondern auch die Beschäftigten. Als Betriebsrat fordern wir immer wieder die Wertschätzung der Belegschaft, damit sie auch motiviert bleiben.

Christian: Wir hören zu, nehmen Themen und Probleme auf und kümmern uns. Wir haben ganz viele Gespräche, die wir begleiten bei der Wiedereingliederung, ERA, Leistungsbewertung und mehr.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Betriebsrat zu werden?

Christian: Ich bin 2010 das erste Mal angetreten und gewählt worden. Da wurde bei uns ERA eingeführt und die Stellenbeschreibungen waren durchweg nicht fair bewertet. Das war mein Anstoß, mich für die Leute im Betrieb einzusetzen.

Benedikt: Wir hatten 2017 ein schlechtes wirtschaftliches Jahr im Betrieb. Fünf Millionen Verlust. Mir war klar, dass es jetzt um Arbeitsplätze gehen würde. Daher habe ich 2018 kandidiert. Es kam dann eine neue Geschäftsführung und Christian und ich hatten mit ihm sehr viel aufreibende „Betriebsratsarbeit“. Der Geschäftsführer hat uns immer wieder sehr persönlich angegriffen.

Benedikt: Das war eine harte Zeit. 2022 kam dann ein neuer Geschäftsführer. Seither sind es Gespräche auf Augenhöhe. Wir sind zwar nicht immer einer Meinung, aber der Umgang ist respektvoller.

Wie unterstützt euch die IG Metall?

Benedikt: Wenn wir Fragen oder Themen haben, schreiben wir an Stefan Ehly und sein Team und er kümmert sich dann.

Christian: Wichtig ist, dass wir ja selbst auch die IG Metall sind: ALS MITGLIEDER. Das fetzt schon mit der Gewerkschaft. Mit der IG Metall zusammen funktioniert es deutlich besser. Wir werden vom Arbeitgeber auch ernst genommen.

Was ist positiv an der Betriebsratsarbeit?

Christian: Lacht. Vergnügungssteuerpflichtig ist die Aufgabe nicht. Frag mal meine Frau. Sie „freut“ sich immer, wenn ich nach der Arbeit noch häufig telefoniere mit Kolleginnen und Kollegen oder wir uns treffen müssen, um Dinge diskret zu besprechen. Es macht aber tatsächlich großen Spaß, sich gemeinsam für die Leute einzusetzen und meine Familie unterstützt mich dabei. Auch wenn es Einzelnen nicht so leichtfällt, für sich selbst einzustehen, WIR stehen an deren Seite und teilweise auch als Schutzschild vor Ihnen.

Benedikt: Wir erreichen manches für Einzelne. Beispielsweise bei der Leistungsbewertung. Oft wissen die Leute nicht, dass und wie sie eine Reklamation schreiben können. Dabei unterstützen wir dann. Wenn als Ergebnis deutlich mehr Leistungspunkte rauskommen, ist das für uns als Betriebsrat ein toller Erfolg. Und wir setzen uns natürlich für alle ein: bei der Arbeitszeit, bei den Arbeitskonten. Wir haben beispielsweise Schichtmodelle kreiert, so dass wir flexibel handeln können. Aber keiner kann uns vorschreiben, dass wir jetzt mal ne Woche zuhause bleiben sollen. Da haben wir eine clevere Lösung vereinbart.

Seit Einführung des Tarifvertrags gab es keine Weihnachtsfeier mehr, da es ja nicht im Tarifvertrag steht.

Christian: Wir haben dann einfach zwei Feiern auf eigene Kosten organisiert.

Benedikt: Im letzten Jahr organisierten wir dann, vom Arbeitgeber finanziert, einen Neujahrsempfang. Wir hatten hartnäckig dafür geworben. Die Feier im Goldenen Anker in Radebeul wurde für alle eine fröhliche Feier.

Christian: Natürlich kommen dann nicht alle, aber es waren 115 Kolleginnen und Kollegen dort.

Benedikt: Das war eine Super-Stimmung und alle hatten Spaß an dem Abend. Auch der Geschäftsführer war begeistert.

Wann wählt ihr? Habt ihr genügend Kandidierende?

Christian: Wir wählen am 29. April ein 9-er Gremium. Wir suchen jetzt nach Kandidierenden. Es haben sich schon Kolleginnen und Kollegen in Listen eingetragen. Ich bin mir sicher, dass wir genügend Kandidierende finden, die gut geeignet sind.

Benedikt: Wir hoffen, dass wir auch Frauen finden, die sich aufstellen lassen. Bisher hatten wir immer eine super Mischung aus allen Bereichen.

Christian: Unser Team bildet gut unsere Belegschaft ab. Auch wir beide: Benedikt und ich sind ein gutes Team und gerade, weil wir unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen.

Benedikt: Deswegen sind wir zwei auch unschlagbar. Lacht.

Christian: Wir bestreiten jetzt die zweite Amtszeit zusammen. Wir wissen inzwischen sofort, was der andere denkt. Wir müssen uns nur anschauen. Das hilft in Verhandlungen.

Gibt es noch ein Thema, das ihr gerne ansprechen würdet?

Benedikt: Bei der letzten Delegiertenversammlung fiel mir auf, wie viele Parallelen wir in unseren Betrieben in Sachsen haben: Die Konzernmutter sitzt im Westen, andere Arbeitsbedingungen im Osten. Wir können uns gegenseitig unterstützen und unsere Erfahrungen teilen. Spannend ist ja, dass unser Arbeitgeber jetzt schon bei der Fachkräftesuche mit dem Vorteil Tariflohn wirbt.

Neue Beschäftigte laden wir als Betriebsrat zum Frühstück ein, stellen uns vor und reden über Betriebsratsarbeit. Letztes Mal erzählten uns drei Kollegen, dass sie bei uns nur angefangen haben, weil es in unserem Hause einen Tarifvertrag gibt.

Hintergrund:

Bei AUMA Drives in Coswig bei Dresden entwickeln und produzieren rund 200 Beschäftigte in zwei Werken Getriebelösungen. Neben dem 4.500 Quadratmeter großen Fertigungs- Montage- und Lackierbereich beherbergt der AUMA Drives Standort eine eigene Entwicklungsabteilung und ein Test-Center mit vielfältigem Prüf-Equipment zur Qualitätssicherung. Die Unternehmensgeschichte reicht bis ins Jahr 1896 zurück und führte die damalige Getriebefabrik Coswig (GFC) 1991 unter das Dach der Gruppe.

Heute ist AUMA Drives ein international tätiger Systemanbieter für kundenspezifische Getriebe und Antriebslösungen. Erfahrene Entwickler-Teams und qualifizierte Fachkräfte garantieren höchste Qualität bei der Entwicklung und Produktion von Getriebelösungen für viele Branchen. Beispielsweise arbeiten Getriebe von AUMA Drives heute zuverlässig im weltgrößten Solarthermie-Kraftwerk in Kalifornien oder in Dubai in der größten Meerwasserentsalzungsanlage der Welt.

 

 

 

 

Von: aw

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