26.11.2025 | 380 Beschäftigte bei Rheinmetall, früher Pierburg Pump Technology, bangen um ihre Zukunft. Der Rheinmetall-Konzern hat vor einigen Monaten angekündigt, seinen gesamten Automotive-Bereich mit rund 7.800 Arbeitsplätzen zu verkaufen. Mittags waren die Beschäftigten vor dem Tor und machten sich stark für ihre Zukunft.
Bei eisiger Kälte setzten sich die Beschäftigten bei Rheinmetall gemeinsam mit der IG Metall von 11.25 bis 11.55 Uhr vor dem Werkstor mit einer Aktiven Mittagspause für ihre Forderungen ein. „Wir akzeptieren keine Hinhaltetaktik. Die Beschäftigten brauchen klare Zusagen für ihre Zukunft und müssen wissen, wie es weitergeht“, machte Stefan Ehly deutlich. Mit dabei waren auch Henning Homann, Fraktionsvorsitzender der SPD im sächsischen Landtag und Roland Kunze, Bürgermeister von Hartha.
„Ich halte es für eine Fehlentscheidung des Konzerns, sich von diesem Standort zurückzuziehen. Hier wird seit vielen Jahrzehnten hervorragende Arbeit geleistet“, sagte Henning Homann, SPD-Fraktionsvorsitzender im Sächsischen Landtag. „Die Kolleginnen und Kollegen waren hier immer flexibel, sie waren immer bereit, sich zu verändern, sich anzupassen, neue Ideen, neue Produkte zu entwickeln und dieses Werk ist ein Werk mit Zukunft. Den Verkauf halte ich für einen Fehler. Der einzig erklärbare Grund ist die Profitmaximierung von Rheinmetall. Niemand hat etwas dagegen, wenn Unternehmen am Ende Gewinne erzielen, aber Rheinmetall steht hier in der Verantwortung gegenüber den Menschen, die über Jahrzehnte genau diese Gewinne erarbeitet haben und die Beschäftigten darf man jetzt nicht fallen lassen. Und hier sagen wir alle, ob Kolleginnen und Kollegen, die Stadt und auch die Politik: Das ist nicht in Ordnung!“
Trotz staatlicher Förderung von mehr als 7 Millionen Euro im Jahr 2024 steht die Zukunft des Werkes und seiner Belegschaft auf dem Spiel. Daher gingen die Forderungen der IG Metall auch in Richtung Politik. „Wir fordern den Freistaat Sachsen, den Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und Wirtschaftsminister Dirk Panter auf, sich für den Erhalt des Standortes einzusetzen und Gespräche mit allen Beteiligten zu unterstützen“, so Stefan Ehly, Erster Bevollmächtigter IG Metall Dresden und Riesa. Von einem möglichen Verkauf wären Standorte in Papenburg, St. Leon-Rot, Neckarsulm, Langenhagen, Neuenstadt, Walldürn und Neuss betroffen. Aktive Mittagspausen finden an mehreren Standorten im zivilen Bereich von Rheinmetall statt.
„In den 25 Jahren meiner Betriebszugehörigkeit waren wir noch nie so viele vor dem Tor wie heute. Ich danke allen, die heute dabei waren, auch den Gästen, den Schülern aus Hartha, die sich heute aktiv an dem Protest beteiligt haben“, sagte Silvio Winkler, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender von Rheinmetall in Hartha. „Betonen möchte ich noch einmal, dass wir nicht gegen Rheinmetall als Arbeitgeber protestieren. Ganz im Gegenteil. Wir stehen hier, weil wir gerne bei Rheinmetall arbeiten. Aber wir protestieren dafür, dass Rheinmetall endlich seiner sozialen Verantwortung gerecht wird und über das Thema Überleitungstarifvertrag mit uns redet. Schließlich gibt es bis heute keinen Verhandlungstermin. Und wenn wir schon verkauft werden sollen, dann bitte nur in gute Hände und mit einem Stück Papier, auf dem steht, was „gute Hände“ bedeuten.“ Und weiter: „Wir haben viele Infoveranstaltungen durchgeführt, die sehr gut besucht waren. Ich bemühe mich gerade, auf allen Ebenen wie beim Konzernbetriebsrat oder beim Europäischen Betriebsrat unser Werk hier in Hartha ins gespräch zu bringen. Am Montag geht es in den Reichstag nach Berlin. Dort treffen sich Betriebsräte aus ganz Deutschland. Und ich werde dort unser Thema platzieren. Schließlich ist ja Rheinmetall aktuell das Lieblingsunternehmen der Bundesregierung. Allerdings leider nicht im Automotive-Bereich. Mir ist wichtig, im Deutschen Bundestag darauf aufmerksam, dass es nicht sein kann, dass Rheinmetall 90 Prozent seiner Umsätze aktuell steuerfinanziert macht und wir in Hartha schauen in die Röhre.“
Auch der Bürgermeister von Hartha war vor Ort. "Für uns ist es eine Herzenssache, dass wir heute die Beschäftigten bei Rheinmetall unterstützen. Schließlich kämpfen wir auch um den Gewerbesteuer-Standort in Hartha. Das Werk ist für uns eminent wichtig, weil wir mehr als die Hälfte der gesamten Gewerbesteuer von Rheinmetall erhalten. Das ist wichtig für unsere Infrastruktur und für freiwillige Aufgaben in unserer Stadt“, sagte Ronald Kunze, Bürgermeister der Stadt Hartha. „Wir kämpfen für eine Perspektive der Beschäftigten hier vor Ort und hoffen auf ein Einlenken des Konzerns.“
IG Metall fordert Klarheit und Sicherheit
„Wir fordern einen Überleitungstarifvertrag, um den Standort zu erhalten, die Beschäftigung zu sichern und die tariflichen Rechte der Beschäftigten zu wahren“, sagte Steven Kempe, Gewerkschaftssekretär IG Metall Dresden und Riesa. „Ohne diesen Vertrag drohen erhebliche Unsicherheiten, der Verlust von Rechten und fehlende Mitbestimmung beim Übergang.“
Die IG Metall warnt vor gravierenden Folgen für die Region: Wegfall eines der größten Arbeitgeber in Hartha, Vertrauensverlust in staatliche Förderstrukturen und negative Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft und soziale Stabilität
Bereits im Oktober legte der Konzernbetriebsrat eine detaillierte Analyse mit Vorschlägen zur Integration der zivilen Standorte in das Defence-Geschäft vor. Die Konzernleitung lehnte dies ab und erklärte die Transformation mit dem Projekt „Hammelburg“ (Transformation von zivilen Werken in Defense-Standorte) für abgeschlossen. Parallel laufen Gespräche mit potenziellen Investoren – ohne Transparenz gegenüber Betriebsrat und IG Metall. Die Investoren werden lediglich mit „blau, rot oder grün“ bezeichnet.
Berichterstattung:
MDR Sachsenspiegel, 26. November 2025 (Video sechs Tage verfügbar - 1:58 Minuten)
Freie Presse, 26. November 2025, online (Bezahlschranke)
Dresdner Neueste Nachrichten, 26. November, online (mit Bezahlschranke)
Sächsische Zeitung, 26. November 2025
Freie Presse, 24. November 2025, online
Dresdner Neueste Nachrichten, 24. November 2025, online - mit Bezahlschranke
Freie Presse, 20. November 2025, online
Rheinmetall, zum Förderbescheid, 11. Juli 2024, online