IG Metall Dresden und Riesa
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22.01.2021, 10:01 Uhr

Vierter Warnstreik beim Kabelwerk in Meißen

„Die Kolleginnen und Kollegen hier kämpfen für eine Selbstverständlichkeit, nämlich einen Tarifvertrag!“

  • 08.12.2020
  • Aktuelles

Mit ihrem vierten Warnstreik innerhalb eines Monats haben die Beschäftigten im Kabelwerk in Meißen ihr berechtigtes Anliegen ein weiteres Mal entschlossen und eindrucksvoll untermauert: Sie wollen endlich einen Tarifvertrag mit gerechter Bezahlung und fairen Arbeitsbedingungen! Zwischen 4.30 Uhr und 7.15 Uhr legten die Kolleginnen und Kollegen der Nacht- und der Frühschicht ihre Arbeit nieder und demonstrierten im Schein von Leuchtfackeln vor dem Werkstor für die Aufnahme von Tarifverhandlungen.

Stimmungsvoller Warnstreik der Nacht- und der Frühschicht vor dem Kabelwerk in Meißen in stockdunkler Nacht ab 4.30 Uhr. - Fotos: Volker Wartmann

Um 6.00 Uhr kam Linken-Politikerin Katja Kipping vorbei, um den Streikenden ihre Solidarität zu bekunden. IG Metall-Gewerkschaftssekretär Steven Kempe begrüßt sie mit dem gebotenen Abstand.

Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Kersten Tittel liest den Kolleginnen und Kollegen den offenen Brief an Vertreter aus der Landes- und Regionalpolitik vor, den hinterher alle unterschreiben.

Auch Katja Kipping unterschreibt den offenen Brief.

Die Botschaft der Kolleginnen und Kollegen an den Geschäftsführer des Kabelwerks in Meißen ist unmissverständlich.

Ein beliebtes Fotomotiv an diesem frühen Morgen ...

Katja Kipping informiert sich bei den Kolleginnen und Kollegen über die aktuelle Situation im Kabelwerk in Meißen.

Seit elf Jahren haben die Beschäftigten im Kabelwerk in Meißen keine Lohnerhöhung mehr erhalten. Doch das ist nicht der alleinige Grund für die Unzufriedenheit der Belegschaft. Die Sturheit des Geschäftsführers, weiterhin nach Gutsherrenart über die Arbeitsbedingungen entscheiden zu wollen, schürt den Unmut in der Belegschaft sehr.

Die 130 Kolleginnen und Kollegen im Kabelwerk sind nicht bereit, dieses Gebaren noch länger hinzunehmen. Sie fordern endlich bessere und faire Arbeits- und Einkommensbedingungen per Tarifvertrag. Der Arbeitgeber weigert sich bisher jedoch, Tarifverhandlungen mit der IG Metall aufzunehmen, wie es die Kolleginnen und Kollegen fordern.

„Dass sich der Geschäftsführer hier seit Wochen echauffiert, dass der Betriebsrat nicht in Verhandlungen mit ihm eintritt, zeigt, dass er uns noch immer nicht ernst nimmt“, sagte der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Kersten Tittel. „Er ruft den Betriebsrat damit quasi zum Gesetzesbruch auf. Tarifverhandlungen sind laut Gesetz Sache der Tarifparteien, also von Arbeitgeber und Gewerkschaft. Das sollte die Geschäftsführung mittlerweile endlich akzeptieren.“

Jetzt wenden sich die Beschäftigten mit einem offenen Brief an den Gesellschafter des Werks – Helu-Kabel – und an Vertreter aus der Landes- und Regionalpolitik einschließlich Ministerpräsidenten und Oberbürgermeister, mit der Bitte um Unterstützung, auf die Sturheit der Geschäftsführung einzuwirken. „Mit dem offenen Brief möchten wir den politischen und medialen Druck auf die gewissenlose Geschäftsführung erhöhen. Alle sollen sehen, was hier in Sachsen los ist und welch niedrige Löhne hier gezahlt werden“, sagte Kersten Tittel.

Prominente Unterstützung aus der Politik war bereits an diesem Morgen vor Ort: Katja Kipping, Mitglied des Bundestages und Bundesvorsitzende der Partei die Linke, solidarisierte sich mit den Streikenden. „Die Kolleginnen und Kollegen hier kämpfen für eine Selbstverständlichkeit, nämlich einen Tarifvertrag“, sagte Kipping. „Wir müssen die negative Dynamik des Lohndumpings durchbrechen. Erfolgreiche Tarifkämpfe erhöhen den Druck auf andere Unternehmen, die Löhne auch zu erhöhen. Ziel muss sein, das Lohnniveau insgesamt nach oben zu ziehen.“

Angesprochen auf die aktuelle Situation im Kabelwerk in Meißen sagte Kipping: „Es ist eine typische Masche von Arbeitgebern, die Gewerkschaft und den Betriebsrat zu diffamieren und die Beschäftigten gegeneinander auszuspielen. Das ist inakzeptabel.“

Auch Kipping unterschrieb den offenen Brief der Kolleginnen und Kollegen und sagte ihnen zum Abschied: „Euer Kampf für höhere Löhne ist ein Kampf für alle. Tarifverträge fallen nicht vom Himmel, dafür muss man kämpfen. Wir Linke stehen an eurer Seite und unterstützen euch, wo wir können.“

Beim Warnstreik am Montag vergangener Woche hatte bereits Susann Rüthrich (SPD), Mitglied des Bundestages für den Landkreis Meißen, den Arbeitgeber eindringlich aufgefordert, sich mit der Gewerkschaft an den Verhandlungstisch zu setzen.

„Wenn die Geschäftsführung endlich Verhandlungsbereitschaft mit der IG Metall signalisieren würde, wären wir schon einen Schritt weiter“, sagte IG Metall-Gewerkschaftssekretär Steven Kempe. „Bisher weigert sich die Geschäftsführung jedoch hartnäckig, mit uns zu sprechen, obwohl sie gar nicht weiß, was die Kolleginnen und Kollegen überhaupt wollen. Dafür müsste sich die Geschäftsführung unsere Vorschläge erst einmal anhören.“ IG Metall-Gewerkschaftssekretär Steven Kempe weiter: „Auf Dauer wird sich der Arbeitgeber den berechtigten Interessen der Belegschaft nicht verweigern können. Die Erfahrung zeigt, dass Unternehmen mit guten Tarifverträgen nicht nur eine motiviertere Belegschaft haben, sondern auch wirtschaftlich erfolgreicher sind.“

Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Kersten Tittel betonte: „Wir sind Kabelwerker durch und durch. Im Gegensatz zu den Behauptungen des Geschäftsführers sind wir solidarisch und kämpfen wir dafür, dass das Werk auch in Zukunft erfolgreich ist – und zwar mit fairen Lohn- und Arbeitsbedingungen. Wir als Belegschaft haben den Glauben an die Demokratie noch nicht verloren.“

Für die kommende Woche planen die Kolleginnen und Kollegen bereits den nächsten Warnstreik …