07.04.2026 | Bei Syntegon in Dresden arbeiten rund 230 Beschäftigte an der Entwicklung und Produktion von speziellen Produktionsanlagen zur Herstellung von Medizinprodukten. Die Belegschaft musste sich in den letzten Jahren immer wieder an neue Eigentümer gewöhnen. Das neue Betriebsratsteam unterstützt weiter eine Tarifbindung am Standort. Ein Interview mit Jürgen Ahlers, Betriebsratsvorsitzender und Vertrauensmann bei Syntegon.
Bevor wir über die Betriebsratswahlen sprechen: Kannst du mir bitte erklären, was ihr bei Syntegon in Dresden macht?
Wir waren früher ein Unternehmen von Fresenius Medical Care. Dieses pharmazeutische Unternehmen hat im Osten damit begonnen, spezielle medizinische Anlagen zu bauen. Zunächst für den Eigenbedarf, und später, um sie zu verkaufen. Dadurch ist Pharmatec entstanden. Pharmatec wurde immer größer und hat für viele andere Pharmahersteller Anlagen erstellt. Fresenius hat uns dann 2008 an Bosch verkauft, weil wir als Pharmatec nicht mehr ins Portfolio gepasst haben. Bosch hat uns 2019 an einen Investor verkauft: CVC in Luxemburg.
Bei uns entwickeln und produzieren rund 230 Beschäftigten Komplettlösungen zur Herstellung, Verteilung und Lagerung von Reinstmedien. Darüber hinaus liefern wir an pharmazeutische Hersteller hochmoderne Formulierungs- und Bioprozesssysteme mitsamt zukunftssicherer Automatisierungslösungen, also ein Sonderanlagenbau für die Pharmaindustrie. Unsere Kunden können mit den Anlagen, die wir liefern, alles Pharmazeutische herstellen, was flüssig ist. In unsere Reinstwasseranlagen gelangt zunächst normales Leitungswasser. Dieses wird dann in der Anlage zu Reinstwasser, sogenanntes „water for injection“. Das ist hochreines Wasser, das giftig wäre, wenn es jemand trinken würde, weil es so rein ist.
Dann bauen wir die Ansatzanlagen, in die die Kunden ihre Rohstoffe und Flüssigkeit hineingeben und am Ende entsteht das fertige Medikament. Unsere Anlagen sehen aus wie eine Molkerei: viele Edelstahltanks, Rohre, Pumpen, Leitungen und viel Messtechnik.
2008 wurde das Unternehmen von Bosch Packaging Technology (heute Syntegon) übernommen. Hat sich für euch durch die Übernahme etwas verändert?
Ja, das war die Geburtsstunde unseres Betriebsrates. Wir wurden vorher von einem Betriebsrat von Fresenius in Bad Homburg vertreten. Der Betriebsrat hat einmal im Jahr bei uns in Dresden eine Betriebsversammlung gemacht und war ansonsten für uns nicht mehr sichtbar. Also gab es in dieser Zeit keine richtige Arbeitnehmervertretung.
Ich war bei der Gründung mit dabei. Damals waren wir ein 5-er Gremium. Später wurden wir dann über ein 7-Gremium zum 9-er Gremium. Ich war als einziger bereit, in die Freistellung zu gehen und wurde so zum Vorsitzenden des Betriebsrates. Mit der Zugehörigkeit zu Bosch waren wir auch Teil des Konzernbetriebsrats bei BOSCH. So haben wir eine gute Unterstützung erhalten.
Seid ihr tarifgebunden?
Wir sind aus der Tradition heraus mit unseren Arbeitsverträgen an die IG BCE-Welt angelehnt, da wir von Fresenius als Pharmaunternehmen kommen. Wir sind nicht tarifgebunden. Das möchte der Arbeitgeber nicht. In den Arbeitsverträgen gibt es eine Inbezugnahmeklausel, die manchmal rechtssicher ist, manchmal nicht und manchmal dynamisch und manchmal nicht. Für die meisten Beschäftigten ist es nichts wert. Der Arbeitgeber hat jetzt eine Gesamtzusage für alle Beschäftigten gemacht, dass er sich in Bezug auf Eingruppierung, Entgelthöhe, Urlaub, Freistellungskatalog, Altersfreizeit an diesen Tarifvertrag der IG BCE anlehnt. Aber unser Unternehmen ist nicht tarifgebunden und der Arbeitgeber ist nicht im Arbeitgeberverband.
Ihr setzt euch in diesem Jahr erneut für eine Tarifbindung bei Syntegon ein. Wie ist die Lage?
Die Geschäftsführung möchte mit uns eine Entgeltstruktur verhandeln. Wenn wir noch mehr Kolleginnen und Kollegen als Mitglied der IG Metall gewinnen, könnten wir Tarifverhandlungen gemeinsam mit der IG Metall anstreben. Momentan stagniert es leider. Wir arbeiten aber weiter daran.
Wann habt ihr euren neuen Betriebsrat gewählt?
Wir haben am 6. März unser 9-er Gremium gewählt. Am 13. März war die konstituierende Sitzung. Es hatten sich 17 Kandidierende in einer gemeinsamen Liste aufstellen lassen. Rund 60 Prozent der Kolleginnen und Kollegen haben gewählt. Da bei uns viele mobil arbeiten, ist es schwierig, alle zu erreichen. Unser Betriebsratsteam ist mehrheitlich Mitglied in der IG Metall und alle stehen klar zur IG Metall.
Wie habt ihr euren Wahlkampf geführt?
Wir informieren regelmäßig als Betriebsrat über unsere Arbeit mit Aushängen, über die Intranet-Seite, in umfangreichen Newslettern und Kurzinfos. Dazu machen wir die vier Betriebsversammlungen, bieten regelmäßig unsere Betriebsrats-Sprechstunde an und machen Willkommensrunden mit neuen Kolleginnen und Kollegen. Das halte ich für sehr wichtig. Wir haben die Kolleginnen und Kollegen über unsere Kanäle über die Betriebsratswahl informiert.
Welche Erfolge habt ihr als Betriebsratsteam?
Wir haben in der letzten Wahlperiode zu Beginn eine Betriebsvereinbarung zum Kinderbetreuungszuschuss abgeschlossen. Ein neuer Kollege im Betriebsrat hat das initiiert und sehr erfolgreich angepackt. Das Betriebsratsteam in den letzten vier Jahren war das “fleißigste“, das wir je hatten. Wir haben einige weitere gute Betriebsvereinbarungen abgeschlossen: beispielsweise „Zulagen“ sowie „Arbeitszeitrahmen und Arbeitszeitkonten“.
Welche Themen stehen jetzt für euch als neues Betriebsratsteam an?
Im Moment sind wir ereignisgetrieben, da der Arbeitgeber uns mitgeteilt hat, dass er mit uns Kurzarbeit verhandeln will. Die Auftragslage ist gerade eingetrübt. Es fehlen Projekte. Die allgemeine Lage in dem pharmazeutischen Bereich ist angespannt. Im Frühsommer machen wir eine Betriebsrats-Klausur und stellen unsere Agenda auf.
Wie siehst du deine Rolle als Betriebsrat?
Ich bin in erster Linie Betriebsrat. Und ich versuche, da wo es passt, der Gewerkschaft die Tür zu öffnen: mit Sprechstunden, zu denen auch die Gewerkschaft eingeladen wird. Als Betriebsrat stehen wir klar an der Seite der IG Metall.
Machst du die Betriebsratsarbeit gerne?
Warum ich das mache? Ich arbeite gerne mit und für Menschen. Manche denken, es ist so easy. Aber wenn Themen wie Kurzarbeit und Sozialplan verhandelt werden, wird es auch mal unangenehm. Dann geht es um das Schicksal von Menschen. Mir ist jeder Mensch wichtig.
Auch wenn wir als Betriebsrat Beistand leisten in Verhandlungen zu Kündigungen oder Aufhebungen, geht einem das ans Herz. Mir geht es immer um den Menschen – auch als Gruppe. Ich habe ein hohes Gerechtigkeitsempfinden und versuche, mich für alle gleich einzusetzen.
Wie sieht die Unterstützung durch die IG Metall aus?
Wir haben heute beschlossen, dass wir einen Kollegen von der IG Metall als Sachverständigen mit in die Verhandlungen zur Kurzarbeit reinnehmen wollen. Die IG Metall unterstützt uns hervorragend. Durch meine Mitarbeit im Aktivenkreis der IG Metall Dresden bin ich auch gut vernetzt.
Hintergrund:
Syntegon mit Sitz in Dresden bietet Komplettlösungen zur Herstellung, Verteilung und Lagerung von Reinstmedien. Darüber hinaus erhalten pharmazeutische Hersteller hochmoderne Formulierungs- und Bioprozesssysteme mitsamt zukunftssicherer Automatisierungslösungen.
Was vor 30 Jahren mit vier Personen begann, ist heute aus dem Portfolio von Syntegon und den Fertigungshallen pharmazeutischer Unternehmen nicht mehr wegzudenken. 1993 wurde Pharmatec von der Fresenius AG gegründet, um deren internen Bedarf an pharmazeutischen Prozessanlagen abzudecken. Daraus entwickelten sich schnell die ersten externen Aufträge und das Unternehmen wuchs. 2007 erfolgte die Übernahme durch Bosch Packaging Technology (heute Syntegon). Aktuell arbeiten rund 230 Beschäftigte bei Syntegon in Dresden; die Produktion erfolgt seit 2009 durchgängig am aktuellen Standort.
Das Interview führte Andrea Weingart.