09.03.2026 | Im November 2025 hat die Walzengießerei Coswig Insolvenz angemeldet. Das betrifft rund 220 Beschäftigte. Der Betrieb steht aber keineswegs still. Es wird weiter produziert. Insolvenz bedeutet einen wirtschaftlichen Neuanfang unter anderen Rahmenbedingungen. Was heißt das für die Beschäftigten? Wie sieht Betriebsratsarbeit in der Insolvenz aus? Anja Born, Betriebsrätin, und Betriebsratsvorsitzender Andreas Fuhrmann berichten im Interview.
Wie ist die Lage bei euch? Wie wirkt sich die Insolvenz aus?
Anja: Der Betrieb in der Walzengießerei läuft weiter. Das Verfahren wurde erst zum Februar 2026 eröffnet. Prinzipiell läuft für die Beschäftigten an der Basis alles normal weiter. Wie das in den oberen Etagen aussieht, ist für uns Betriebsräte schwer abzuschätzen.
Andreas: Die Insolvenz-Anmeldung hat gewisse Folgen, wie beispielsweise: Wer zahlt das Insolvenz-Geld? Wann wird das Geld kommen? Was passiert mit den Arbeitszeitkonten bis zur Insolvenz? Wie geht man um mit Einstellungen, Vertragsverlängerungen und mehr. An dieser Stelle muss jetzt immer der Sachwalter gefragt werden , solange das Insolvenzverfahren läuft. Nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens geht es dann darum, wie kann das Unternehmen „gesund“ weitergeführt werden, also zukunftstauglich. Das alles belastet unsere Arbeit als Betriebsratsteam schon sehr.
Für unsere Kolleginnen und Kollegen kommt das Geld jetzt von einem anderen Konto, normalerweise von der Agentur für Arbeit. Die Zahlungen verändern sich, da bestimmte Dinge nicht vom Insolvenzgeld gedeckt werden. Es gibt ab Insolvenzbeantragung einen vorläufigen und nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens einen festen Gläubiger-Ausschuss. Dieser hat Aufgaben wie die Überwachung der Geschäftsführung, Genehmigung bedeutender Rechtshandlungen. Er hat Einfluss auf Masseverbindlichkeiten, er nimmt eine Prüfung der Schlussrechnung vor und unterstützt den Sachwalter. Ihr habt die meisten oder alle Begriffe noch nicht gehört? Wir auch nicht. Drum stellt das eine echte Herausforderung dar.
Was bedeutet das für die Betriebsratsarbeit? Seid ihr pausenlos im Einsatz?
Andreas: Anfangs hat die Geschäftsführung uns völlig außen vorgelassen. Sie wollten uns nicht in den Prozess involvieren. Und jetzt kommen sie laufend um die Ecke und haben Anliegen, die sehr schnell bearbeitet werden müssen. Das ist eine künstlich geschaffene Lage, damit sie bekommen, was „Sie“ wollen.
Anja: Die Anwälte der Geschäftsführung nehmen sich alle die Zeit, die sie brauchen. Und uns wird im Gegenzug nicht die erforderliche Zeit eingeräumt, die wir bräuchten. Und zwar die Zeit, welche nötig wäre, um die Informationen für Entscheidungen zusammentragen zu können.
Andreas: Wir müssen beispielsweise wirtschaftlichen Sachverstand beschließen und einholen, damit wir verstehen können, was gerade alles läuft. Auch anwaltliche Unterstützung braucht es in diesen Zeiten, damit wir nicht über den Tisch gezogen werden. Denn bei einer Insolvenz gibt es Themen, die in der normalen Betriebsratsarbeit nicht auftauchen.
Wann plant ihr eure Betriebsratswahl? Gibt es genügend Kandidatinnen und Kandidaten?
Anja: Wir wählen am 16. April unser 9-er Gremium. Wir suchen noch einige Kandidierende. Dafür haben wir noch etwas Zeit. Viele unsere Kolleginnen und Kollegen bekommen gerade mit, dass wir als Betriebsrat viel Arbeit haben. Das schreckt vielleicht einige ab. Allgemein ist es nicht ganz so einfach, Kolleginnen und Kollegen zu finden, die im Betriebsrat mitmachen. Wir versuchen immer genügend Ersatzmitglieder zu finden. Aus Altersgründen hört ein Kollege auf. Die neuen Kandidaten sind jedoch jung, so dass sie eine Weile mitarbeiten können, wenn sie möchten.
Was macht eure Betriebsratsarbeit besonders aus? Gibt es Themen, die dominieren?
Andreas: Es ist gerade sehr fordernd. Wir haben extrem viele Termine als Betriebsratsgremium, denn alles läuft ja weiter. Wir werden bei Fragen zur Insolvenz laufend angesprochen, denn die Geschäftsführung informiert nicht wirklich gut. Es gibt viele Gerüchte und wir versuchen aber, gut und transparent zu informieren, um den Gerüchten entgegen zu wirken. Momentan sind viele in einer Art Schockstarre. Für uns Betriebsräte geht es jetzt darum, auch über die Zeit nach der Insolvenz nachzudenken. Diese muss entwickelt werden.
Wir sind im laufenden Kontakt mit unserem Betriebsbetreuer Steven Kempe von der IG Metall. Denn es gilt in solchen Zeiten, sehr genau zu informieren. Daher gibt es jetzt alle zwei Wochen eine Ideen-Werkstatt der IG Metall. Die Arbeitgeber haben versprochen, uns jetzt enger einzubinden. Mal sehen.
Warum würdet ihr jungen Kolleginnen und Kollegen raten, sich für den Betriebsrat aufstellen zu lassen?
Anja: Als Betriebsrat versuchen wir für die Kolleginnen und Kollegen das Leben und Arbeiten im Betrieb zu verbessern. Dafür machen wir Betriebsvereinbarungen, begleiten Gespräche und Konflikte, bei denen wir vermitteln. Es geht darum für alle da zu sein.
Wir haben auch eine Kandidatin, sie ist Mitte 30, welche sich gern einbringen möchte. Nach der Wahl 2022 hatte sie für sich schon den Entschluss gefasst im Gremium mitgestalten zu wollen. Das zeigt, um was es im Prinzip geht. Sich für andere einsetzen zu wollen. Personen unabhängig und ohne Eigennutz. Und das ist es doch. Wir brauchen Menschen, die hinter der Betriebsratsarbeit stehen, sich einbringen wollen und sich für alle im Betrieb einsetzen möchten.
Andreas: Die Betriebsratstätigkeit steigert die Menschenkenntnis, charakterlich entwickelt man sich weiter und es geht meiner Meinung nach auch darum, uneigennützig in seinem Handeln für alle im Betrieb zu werden.
Wie sieht bei euch die Unterstützung der IG Metall aus?
Andreas: Ohne die IG Metall wären wir nicht dort, wo wir heute sind. Steven Kempe unterstützt uns mit Fachkompetenz und bei der Strategie. Wir hatten und haben wirklich eine sehr gute Unterstützung.
Wie würdet ihr Betriebsratsarbeit und ihren Sinn beschreiben?
Andreas: Ich bin gern Betriebsrat, weil ich erstaunt bin, wie viel wir tatsächlich beeinflussen können, wenn wir aktiv an Themen arbeiten. Bei uns können sich alle Betriebsräte einbringen, wenn es um Themen wie Arbeitszeit und mehr geht. Ich bin seit 12 Jahre im Betriebsrat.
Anja: Bei mir sind es schon 16 Jahre als Betriebsrätin.
Hintergrund:
Die Walzengießerei Coswig GmbH ist ein auf den Guss von Walzen und Handformguss spezialisiertes Industrieunternehmen mit Sitz in Coswig, in Sachsen, das schwere Stahlwalzen für die Metallindustrie, den Anlagenbau und die Kunststoffverarbeitung produziert. Das 1892 gegründete Unternehmen gehört zur DIHAG-Gruppe und fertigt hochwertige Walzen bis zu 60 Tonnen für den weltweiten Einsatz.
Das Interview führte Andrea Weingart.